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Predigt vom 26.3.2017

Thema: Reformation Lesung: Epheser 2, 14-22

Am 26.03.2017 hielt unser Pastor Rainer Burkart folgende Predigt.

Reformation – Neuformung, Erneuerung, Wiederherstellung… alle diese Begriffe schwingen mit bei diesem Wort.

1517 gilt weithin als das Jahr, in dem die Reformation begann – mit Martin Luther, dem Augustinermönch und Theologieprofessor an der Universität Wittenberg, der am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen zur Kirchenreform an die Tür der Schlosskirche geheftet haben soll…..

Deshalb haben wir in diesem Jahr am 31.10. einen zusätzlichen arbeitsfreien Tag.

Dies ist eine ziemlich deutsche Sicht auf die Reformation und zugleich ist sie geprägt von der Perspektive der stärker lutherisch geprägten Kirchen.

In anderen Ländern und in anderen reformatorischen Kirchen sieht man das ein wenig anders.

Ganz sicher spielen die Gedanken und Schriften Martin Luthers eine wichtige Rolle bei der Verbreitung reformatorischer Gedanken im 16. Jahrhunderts.

Trotzdem darf man nicht übersehen, dass durch die so starke Konzentration auf die Person Luthers allzu leicht die unglaublich große Vielfalt der Reformation übersehen wird.

Die Vorstellung, dass vorher alles nur finsterstes Mittelalter war, mit einer total verkommenen katholischen Kirche und dann der große Held Luther kam und alles gut machte, und von dem alles andere anhängig war, ist ein Mythos.

Schon lange vorher gab es eine ganze Reihe von Reformbewegungen in der mittelalterlichen und spätmittelalterlichen Kirche.

Ich nennen nur die Bewegung der Waldenser und um Hieronymus von Savonarola, die Bewegung um Jan Hus in Böhmen und die Devotio Moderna; …um nur einige wenige zu nennen.

Möglicherweise war die banale Tatsache, dass es zu ihrer Zeit noch keinen Buchdruck mit beweglichen Lettern gab, ein Hauptgrund dafür, dass sie nicht wirklich durchgedrungen sind mit ihren Reformen.

Was ist Kirche? Wie kann sie glaubwürdig ihren Weg gehen? Wie muss sie gestaltet werden?

Der Epheserbief beschreibt sie in einem Gemisch von Bildern als Bürgerschaft, als Haus mit Bewohnern, als einen Bau, der aus lebendigen Steinen (Menschen) besteht.

Gleichzeitig beschreibt er sie als eine Gemeinschaft zwischen sehr verschiedenen Menschen und Gruppen, zwischen denen aber keine Mauern mehr bestehen:

Eine befriedete Gemeinschaft verschiedener Menschen. Und nicht der Mensch hält diesen Bau zusammen, sondern Christus, der der Friede ist.

Das 16. Jahrhundert war geprägt von mehreren Reformationsbewegungen an verschiedenen Orten, die in ganz unterschiedlicher Weise voneinander abhängig oder aufeinander bezogen waren.

Da waren die Anhänger Martin Luthers und Philipp Melanchthons oder Thomas Müntzers in Mitteldeutschland, die Anhänger Huldreich Zwinglis in Zürich und Martin Bucers in Strasbourg, in Landstuhl und in Cambridge, daneben die verschiedensten täuferischen Gruppen, wie die Hutterer und die sog. Schweizer Brüder um Michael Sattler im oberdeutschen Raum, die Anhänger Pilgram Marpecks und Melchior Hoffmanns oder Hans Dencks und Hans Huts, die Münsteraner Täufer und die Anhänger Menno Simons’ und von Obbe Phillips, schließlich die Schwenckfelder. Und das waren beileibe noch nicht alle!

Verschiedene Zentren sind zu nennen. Wittenberg, Augsburg, Zürich, Genf, Strasbourg, Worms, Waldshut, Kufstein, Münster, Emden, Amsterdam, Magdeburg, Schmalkalden, Cambridge, ……

Und inmitten all dessen gab es den Bauernkrieg und allerlei andere gewaltsame Auseinander-setzungen.

Keiner der Protagonisten hatte die Absicht, eine neue Kirche zu gründen.

Im Gegenteil, das konnte sich eigentlich damals überhaupt niemand vorstellen, dass es mehr als eine Konfession, mehr als eine Kirche geben könnte.

Und es war alles andere als eine einheitliche Bewegung.

Aber es ist auch nicht fair, die einen gegen die anderen auszuspielen und zu sagen, hier die richtigen Reformato-ren (nämlich Luther etc.) und da die falschen (nämlich die Täufer etc.).

Leider tappen auch mennonitische Theologen immer wieder selbst in diese Falle, wenn sie von „den Täufern“ als einem gegenüber zu „den Reformatoren“ reden.

Darauf sollen wir uns nicht einlassen.

Die Reformation war vielfältig und die Täufer waren ein Teil davon, und auch unter sich wieder sehr vielfältig.

Neuerdings kann man einen Sprachgebrauch feststellen, der die sogenannte „magisteriale“ Reformation und die sogenannte „radikale“ Reformation unterscheidet. Zur magisterialen Reformation zählen dabei alle, die in irgendeiner Weise auf die jeweilige Obrigkeit setzten und sie als Bündnispartner auf ihrer Seite haben wollten.

Dazu zählt Luther mit seinem Landesfürsten ebenso wie Zwingli mit dem Rat der Stadt Zürich.

Zur radikalen Reformation zählen die Täufer, die zwar zunächst durchaus mit Zwingli darauf hofften, dass der Zürcher Rat sie unterstützt, die dann aber einen anderen – heute würde man sagen „staatsunabhängigen“ – Weg gingen, auch ein für die damaligen Verhältnisse eigentlich unvorstellbarer Weg. Oft nennt man sie auch Dissenter (vor allem in England und Schottland) oder Nonkonformisten.

Beide aber einte das Ziel, dass die Kirche ein anderes Gesicht bekommen müsse.

Aber aus einer Reformabsicht wurde eine Spaltung der Kirche in sehr verschiedene Richtungen.

Auf der einen Seite blieb die römisch katholische Kirche als bis heute auf den ersten Blick relativ einheitlicher Block.

Auf der anderen Seite entstand eine Vielzahl unterschiedlich geprägter reformatorischer Gruppen. Nach dem Ende des 30-Jährigen Krieges 1648 wurde für den Europäischen Kontinent festgeschrieben, dass man entweder der katholischen oder der lutherischen oder der reformierten, also auf Zwingli und Calvin zurückgehenden, Kirche angehören musste.

Und im Wesentlichen bestimmte

– letztlich schon seit dem vorläufigen Augsburger Religionsfrieden 1555 –

der jeweilige Landesherr, welcher Religion seine Untertanen angehörten.

Wer anders sein wollte, dem blieb nur die Auswanderung. Und wer keiner der drei Gruppen angehörte, wie etwa die Mennoniten, war fortan – wie Juden und andere – Bürger zweiter Klasse und konnte nur auf Duldung hoffen,

die oft mit hohen Gegenleistungen bezahlt werden musste, dann aber – zugegebenermaßen – auch manche Privilegien enthielt.

Im 19. Jahrhundert kam es in vielen Teilen Deutschlands, vor allem in den preussischen, aber auch in Baden, Hessen und der Pfalz zu Zusammenschlüssen (Unionen) zwischen Lutheranern und Reformierten.

Anderswo blieb man säuberlich getrennt lutherisch oder reformiert.

Erst 1973 konnten etwa reformierte Ostfriesen auch im lutherischen Hannover oder im lutherischen Württemberg am Abendmahl teilnehmen und umgekehrt.

So lange ist das noch gar nicht her!

Letztlich dauerte es bis in die 1980er Jahre hinein, bis die einzelnen reformatorischen Kirchen anfingen miteinander zu reden. Noch um 1990 war es offiziell lutherischen Christen verboten, an mennonitischen oder baptistischen Abendmahlsfeiern teilzunehmen und umgekehrt waren Mennoniten oder Baptisten bei den Lutheranern nicht zugelassen.

Vor allem zwischen Lutheranern und Mennoniten war allerhand aufzuarbeiten, was dann schließlich 2010 zu einer eindrucksvollen Versöhnung führte.

Im deutschen Dialog von 1989 bis 1993 haben wir auch viele mennonitische Hürden überwinden müssen, nicht wenige warfen uns, die wir da aktiv waren vor, wir würden nur Geld mit Sitzungen verschwenden und die mennonitische Identität verraten.

Aber andere Kräfte haben sich Gott sei Dank durchgesetzt. Die nicht lutherischen Kirchen haben vieles von diesen Gesprächen ihrerseits angenommen.

Vor ein paar Jahren konnten wir in der Pfalz die Früchte ernten bei einem gemeinsamen Tag mit der pfälzischen Landeskirche auf dem Weierhof – einschließlich einer gemeinsamen Abend-mahlsfeier.

Der internationale Lutherisch-mennonitische Dialog 2005 – 2009 hat der Sache nochmal einen großen Schub gegeben.

Die Gespräche gehen weiter. Gerade ist der Neudruck der internationalen Dialogergebnisse erschienen,

ergänzt durch interessante Berichte der Weiterarbeit.

Für Lutheraner und Mennoniten ist heute klar: Wir gehören beide zur Reformation, auch wenn wir in manchen Fragen andere Wege gehen.

Wenn man die Vielfalt der Reformation – oder gar der Reformationsbewegungen feststellt, dann stellt sich naturgemäß die Frage, was denn das zentrale reformato-rische Gedankengut ist.

Aus lutherischer Sicht ist es die paulinische Lehre von der „Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade durch den Glauben ohne die Werke des Gesetzes“ (Galater 3, 16),

anders ausgedrückt durch die sogenannten vier „soli“(Allein):

Solus Christus (Christus allein). Sola Scriptura (Die Schrift allein), Sola Gratia (die Gnade allein), sola fide (der Glaube allein).

Wer die mennonitische Diskussion ein wenig verfolgt, wird bemerkt haben, dass man zwar einerseits sagen kann, dass wir da in vielerlei Hinsicht zustimmen können, dass man aber gleichwohl feststellen muß, dass wir das doch gerne ein wenig differenzierter sehen möchten.

Zwischen Katholiken und Lutheranern ist es 1999 zu einer denkwürdigen Übereinkunft gekommen, in der man über wesentliche Fragen dieser sogenannten Rechtfertigungslehre Einigung erzielt hat.

Dem haben mittlerweile auch die Methodisten und die Reformierten zugestimmt.

Es ist schade, dass die Mennoniten damals an diesem Gesprächsprozess nicht teilgenommen haben. Das rächt sich nun m.E. im Blick auf die weitergehenden ökumenischen Prozesse, die in vielerlei Weise auf hierauf aufbauen. Aber das führt viel zu weit für heute.

Klar ist, dass die Täufer aus der Sicht Luthers in dieser Frage viel zu nah bei den Katholiken stehen, weil sie zwar die Gnade Gottes betonen, aber eben auch die Notwendigkeit der Werke,

wie z.B. der Jakobusbrief sie betont.

Und der war für Luther eine „Stroherne Epistel“, weshalb er sogar in die traditionelle Reihenfolge der neutestamentlichen Bücher eingriff und bei seiner Ausgabe des NT einfach den Jakobusbrief weiter nach hinten schob – am liebsten hätte er ihn ganz rausgeworfen, weil da komische Sätze stehen, wie: „ein Glaube ohne Werke ist tot!“ –

bis heute ein Unterschied zwischen der Lutherbibel und den anderen Übersetzungen.

Seine „Lehre von der Rechtfertigung“ verstand sich als bewusst antikatholisch und eben auch gleichzeitig anti-täuferisch.

Luther meinte ja bei den Täufern nichts anderes zu erkennen als eine neue Form katholischen Mönchtums.

Die Täufer ihrerseits sparten – wie die Katholiken – nicht mit Kritik an der Luther’schen Gnadenlehre und warfen ihm vor, eine allzu „billige Gnade“ zu vertreten und keinerlei Wert auf ein glaubwürdiges christliches Leben in der Nachfolge Christi zu legen.

Das ist bis heute ein Thema zwischen uns.

Auch wenn allerspätestens seit den Schriften Dietrich Bonhoeffers deutlich ist, dass das auch innerlutherisch anders gesehen werden kann.

Wie man dieses Thema beschreibt, hat viele Folgen bis in das Kirchenverständnis und in die Tauflehre hinein.

Gott sei Dank gehen wir heute mit derartigen Unterschieden anders um, als vor einigen hundert Jahren, wo es zu unseligen Verwerfungen kam.

Heute stellen wir bei diesen und anderen Fragen fest, dass wir einfach unterschiedliche Erfahrungen und Blickwinkel auf die biblischen Texte haben und sie in unterschiedlichen Kontexten lesen und verstehen.

Man kann nicht einfach sagen: Ihr habt Unrecht, wir haben recht!

Oft ist es so, dass beide Sichtweisen etwas wichtiges erkennen und einander als Ergänzung und Korrektur brauchen, um vor Einseitigkeiten gefeit zu sein.

Was ist Kirche in einem reformatorischen Sinn?

So einfach ist das gar nicht zu beantworten, wenn man nicht einfach in allzu billige antikatholische Ressentiments zurückfallen will.

Oft hört man die Formel: „Ecclesia semper reformanda est“ :

Die Kirche ist eine immer zu reformierende.

Sie wird dem Genfer Reformator Johannes Calvin zugeschrieben, aber das ist nicht so ganz klar, möglicherweise ist sie viel älter und stammt aus vorreformatorischer Zeit.

Wie auch immer, sie bezeichnet eine Wahrheit.

Kirche hat sich immer wieder neu am Wort Gottes auszurichten, wie es in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testamentes bezeugt ist.

Das bedeutet, dass Kirche die beständige Aufgabe hat, ihr eigenes Sein, ihre eigenen Ordnungen, zu bedenken und im Licht des sich natürlich auch wandelnden Verständnisses der biblischen Überlieferung zu hinterfragen und neu auszurichten.

Dabei ist heute auch klar, dass es nicht um ein billiges Gegenüber von evangelischem „Allein die Schrift“ und katholischem „Schrift und Tradition“ geht.

Evangelische haben mühevoll erkennen und zugeben müssen, dass auch die Heilige Schrift nicht vom Himmel gefallen ist, sondern Teil eines Traditions = Überlieferungsprozesses ist;

und Katholiken sehen heute sehr deutlich einen Vorrang biblischer Tradition gegenüber anderen Traditionen.

Die Arbeitsgemeinschaft mennonitischer Gemeinden in Deutschland hat bei ihrer Gründung 1990 nach einem längeren kontroversen Gesprächsprozess folgenden Satz in ihre Präambel geschrieben:

„Maßstab für ein Leben in der Nachfolge Christi ist die Heilige Schrift Alten und Neuen Testamentes, wie sie unter der Leitung des Heiligen Geistes im Gespräch untereinander ausgelegt wird.“

Damals gab es einzelne evangelikale oder vielleicht auch eher fundamentalistische Stimmen, auch aus der ASM, die gerne den zweiten Teil des Satzes weggelassen hätten:

wie sie…..im Gespräch untereinander ausgelegt wird“.

Es war eine harte Auseinandersetzung.

Aber es ist gut, dass damals fundamentalistische Tendenzen abgewehrt werden konnten.

Wir sagen oft, die Bibel sei Gottes Wort. Aber das ist natürlich sehr verkürzend.

Wer die Bibel ernst nehmen will, der darf sie nicht allzu simpel wortwörtlich gleichsetzen mit Gottes ureigenem Wort, das eben Fleisch geworden ist, und nicht Buch!

Das erfordert eine differenzierte Sicht, die paulinische Unterscheidung von Buchstabe und Geist, vom Schatz und dem irdenen Gefäß drum herum,

eine lebendige Auslegung, bei der viele beteiligt sind:

theologisch und historisch Gebildete ebenso wie Laien, Frauen und Männer, Alte und Junge, Ordinierte und Nichtordinierte, Hauptamtliche und Ehrenamtliche usw.

Aber natürlich auch die weiteren Dimensionen der Kirche:

die aus dem Norden und die aus dem Süden, Arme und Reiche (die die Bibel oft recht unterschiedlich lesen!)

und heute selbstverständlich auch die aus den anderen christlichen Traditionen,

alle mit ihren jeweiligen Einsichten und Erkenntnissen, und das immer wieder, jeweils neu. Und wenn Bekenntnisse und Übereinkünfte formuliert werden, dann stehen sie immer unter dem Vorbehalt der möglichen künftig besseren Belehrung und Einsicht.

Und: es darf dabei wenn immer möglich nie um Abgrenzung von anderen Kirchen gehen,

sondern um einen lebendigen Dialog mit ihnen,

um Betonung anderer Schwerpunkte bei gleichzeitiger Achtung anderer Einsichten aus der selben biblischen Botschaft.

Das alles setzt voraus, dass die Mitglieder einer reformatorischen Kirche grundsätzlich bereit sind, sich mit der biblischen Botschaft, mit den Einsichten aus der Geschichte und Gegenwart der eigenen wie der anderen Kirchen auseinanderzusetzen und sie in Beziehung zur eigenen Einsicht und Lebens- und Glaubenserfahrung zu setzen. Das geht nur, wenn man am Leben seiner Kirche und Gemeinde aktiv teilnimmt.

Das ist dann erst wahrhaft reformatorische Kirche.

Wo das nicht oder nicht mehr der Fall ist, ist man bestenfalls auf dem Weg dahin.