Heilmittel gegen die Angst

Jesus Christus spricht: „In der Welt habt ihr Angst, aber tröstet euch, ich habe die Welt überwunden!“ (Johannes 16, 33)

Liebe Schwestern und Brüder,

das ist ungewöhnlich. Ich glaube nicht, dass unsere Gemeinde so etwas schon erlebt hat: „Geschlossen für zwei oder mehr Wochen“! Wir stehen unter dem Eindruck einer Pandemie, die Angst macht; Angst um unsere Gesundheit, Angst vor den wirtschaftlichen Folgen, Angst vor Krankheit und Tod. Angst hat immer zwei Seiten. Sie kann helfen, gefährliche Situationen zu erkennen und sich entsprechend zu verhalten. Aber Angst kann auch lähmen und einengen. Nicht umsonst steckt im deutschen Wort Angst das Wort „Enge“.

Menschen reagieren unterschiedlich, je nach individueller Prägung und Lebensgeschichte. Manche sind sorglos, andere dagegen panisch. Manche verfallen in Aktionismus (Hamsterkäufe etc.), andere sind gelähmt und trauen sich nicht mehr vor die Tür.

Beides ist nicht gesund, aber niemand kann aus seiner Haut und keiner von uns kann genau sagen, was angemessen ist. Das sind wir nicht gewohnt in unserer so wohl geordneten Gesellschaft, wo es für alles eine Zuständigkeit gibt und wo wir Probleme in den Griff bekommen. Auf einmal ist alles anders und auch die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft haben keine endgültigen Antworten und Lösungen. Alles ist vorläufig und mehr oder weniger nur wahrscheinlich richtig und gut.

Die Situation macht uns bewusst, dass wir unser Leben im Letzten nur sehr bedingt selbst in der Hand haben. Der Corona-Virus ist gefährlich und bedrohlich. Aber die Angst davor kann ebenso gefährlich und bedrohlich werden, wenn wir uns von ihr völlig übermannen lassen. „Angst essen Seele auf“, sagt der marokkanische Gastarbeiter Ali in dem gleichnamigen bekannten Kinofilm von Rainer W. Fassbinder aus dem Jahr 1974, einem Klassiker. Ich finde, das ist ein gutes Bild für das, was geschehen kann.

Und dem gilt es zu begegnen. Denn auch unsere seelische Gesundheit ist wichtig und kann helfen, körperlichen Leiden zu widerstehen. Wir wissen, dass es da Zusammenhänge gibt.

Jesus redet viel von der Angst. „Fürchtet euch nicht!“, ist eine ganz häufige Botschaft in der Bibel! Warum? Weil Menschen sich fürchten, weil Menschen Angst haben. Und die Angst kann viele Formen annehmen. Das ist Teil unseres Lebens.

Unser Vertrauen in Gott kann ein Heilmittel gegen die Angst sein.

Für uns Christinnen und Christen steht Jesus von Nazareth im Mittelpunkt unseres Glaubens an Gott. Wenn wir von Gott reden, dann weisen wir auf ihn. Der Evangelist Johannes beschreibt, wie Jesus kurz vor seiner Gefangennahme und seiner Kreuzigung sich von seinen Freunden verabschiedet, die verunsichert und ängstlich sind.

Da sagt Jesus am Ende: „Das alles habe ich gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst, aber tröstet euch, ich habe die Welt überwunden.“

Damit soll gesagt sein: Ja, wir werden mit der Angst leben müssen. Sie ist Teil unseres Lebens. Aber wir brauchen uns nicht von ihr beherrschen zu lassen. Denn Gott ist größer als unsere Angst jemals sein kann. Und wir dürfen uns bei ihm aufgehoben, beheimatet und geborgen wissen, komme was mag.

Wir können zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, wie die Entwicklung weitergeht.

Lasst uns Kontakt zueinander halten und einander so versichern, dass wir nicht allein sind. Gott hält uns in seiner Hand und wenn wir aneinander Anteil nehmen, dann spüren wir etwas von diesem Gehaltensein. Suchen wir andere Wege des Kontakts und der Gemeinschaft, als unsere vielen Veranstaltungen, Gottesdienste, Gesprächskreise usw. Nutzen wir Telefon, E-Mail und andere moderne Kommunikationsmittel – oder mal wieder einen Brief oder eine Postkarte. Denken wir aneinander, auch im Gebet. Helfen wir einander praktisch, dort wo Hilfe nötig und möglich ist.

Ich wünsche uns, dass wir als Gemeinschaft möglichst gut durch diese schwere Zeit kommen.

Möge Gott uns alle behüten,
Ihr/Euer Rainer Burkart, Pastor